Auszug aus dem Tagebuch - 5. und 6. Tag in der Route

 

... Für sechs Uhr am Morgen stellen wir den Wecker. Umsonst. Bereits seit einer halben Stunde lässt uns der Lärm des Regens nicht mehr schlafen. Das gibt´s doch nicht. Und wieder warten. Warten auf unsere letzte Chance. Siehe da, gegen halb zehn teilt die Sonne die Wolken. Rein in die nass-kalten Schuhe, Aufbruch. Wir müssen uns beeilen.

 

Um elf Uhr erreichen wir über die Fixseile unseren gestrigen Umkehrpunkt. Die kommende Seillänge schaut sehr brüchig aus. Much führt. Er verschwindet hinter einem kleinen Pfeiler und dann höre ich einen Schrei. Ein Felsbrocken schlägt direkt vor ihm ein, zerbricht und ein tellergroßer Teil trifft ihn am Oberschenkel. Glück gehabt, nur zwei Risse in der Hose und eine leichte Prellung. Ich komme nach. Ein 80 Meter hohes, leicht überhängendes Off-Width-Risssystem ermöglicht unseren Weiterweg. Ein lautes Sausen und wir sehen wie ein mehrere Kubikmeter-großes Eisgebilde am unteren Standplatz einschlägt. Wir sehen bereits den Col. Doch das Gelände bleibt bis zum Schluss steil. Noch vier Seillängen, darunter eine 7b, die mir im Onsight alles abverlangt. Steile Risse mit dazwischen liegenden Eispilzen. Much führt die letzte Länge. Er kämpft sich bravourös durch die anspruchsvolle, eisgefüllte Verschneidung und verschwindet auf der Westseite. Wir haben´s geschafft. Es ist halb sieben am Abend. Wir genießen den Moment. Der herannahende Schneesturm und der starke Wind können uns nichts mehr anhaben. Die abendliche Stimmung ist gewaltig.

 

Beim Abseilen im letzten Tageslicht klettert Much noch eine letzte, fehlende 7b-Seillänge rotpunkt. Zurück im Portaledge füllen wir unsere leeren Mägen und spielen bis weit nach Mitternacht Karten. Wir können nicht schlafen. Unsere Gedanken sind wirr, das Erlebte sitzt zu tief.

 

Die kommenden 24 Stunden verlangen uns nochmals alles ab. Der Wetterumschwung kommt und plötzlich befinden wir uns in der Falllinie eines kleinen Wasserfalls. Stundenlang prasselt das Wassers, das sich hoch oben aus der Wand sammelt auf das Portaledge. Das Abwarten und das Akzeptieren der äußeren Umstände lassen einen Blick nach innen zu. Ein Gleichgültigkeitsgefühl und unglaubliche, rauschähnliche Momente folgen. Am späten Nachmittag sind wir uns einig, dass wir hier so schnell wie möglich verschwinden müssen. Das Portaledge steht regelrecht unter Wasser. Im Wasserfall packen wir die Haulbags, bauen das Portaledge ab und machen uns für die Abseilaktion bereit. Endlich erreichen wir den Gletscher. Mehr ziehend als tragend bringen wir unsere Lasten zurück ins Hochlager. Wir sind müde, leer und ausgelaugt. Am nächsten Tag schon wieder Schneefall. Wir steigen weiter ab, legen jede Teilstrecke doppelt zurück und sind froh, als uns Hannes schlussendlich entgegen kommt. Er war in Sorge, verbrachte die letzten Tage in El Chalten und als er zurückkam, wusste niemand wo wir sind. Alle dachten wir wären in Puerto Natales.

 

"Waiting for Godot"

Torres del Paine - Central Tower - East Face

750m; 7b/M6

4 Zwischen-BH, 3 NH, Stände im oberen Teil mit Bolts, Klemmkeile, Cams bis #6

Hansjörg Auer, Much Mayr - Jänner 2010

 

 

(c) Hansjörg Auer